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Dr. Martin Mayer:
Deutschland darf weltweite Spitzenstellung
nicht leichtfertig verspielen

Manuskript der Rede des bildungs- und forschungspolitischen Sprechers der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag Dr. Martin Mayer in der Debatte "Zukunftsorientierte Energieforschung - Fusionsforschung" im Deutschen Bundestag, am 9. November 2000

Energie ist Leben

Energie ist Leben - ohne Energie aus Wind- und Wasserkraft, Biomasse, fossilen Energieträgern oder Kernspaltung könnten wir nicht leben. Wie sich Knappheit von Energie auswirkt, konnten wir in den 70er Jahren erleben. Auch in diesen Tagen bekommen wir darüber wieder eine Lektion. Beim Blick auf die Heizkostenabrechnung wird den meisten ganz schwindelig.

Weltenergieverbrauch steigt

Die Frage der Energieversorgung ist damit eine der entscheidenden Zukunftsfragen. Die Statistiken zeigen klar: Die westlichen Industrienationen und die Vereinigten Staaten von Amerika verbrauchen im Vergleich zu China und Indien pro Kopf der Bevölkerung ein Vielfaches an Energie. Wenn China und Indien und viele andere Länder im Laufe dieses Jahrhunderts den Wohlstand der westlichen Industrienationen erreichen werden - was wir alle hoffen -, zeichnet sich eine ungeheure Energielücke ab. Gleichzeitig ist absehbar, dass die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas, die wir eigentlich künftigen Generationen als wertvolle Rohstoffe erhalten sollten, zur Neige gehen. Eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts ist deshalb die Weltenergieversorgung.

Kernfusion als Option

Die Beiträge, die die Solarenergie, Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse und eine effizientere Energienutzung zum Schließen der Energielücke leisten können, werden aller Voraussicht nach nicht ausreichend sein. Deshalb müssen durch eine verantwortungsvolle Vorsorge neue Energiequellen erschlossen und entwickelt werden. Die kontrollierte Kernfusion könnte die entscheidende Option für eine nachhaltige, sichere und verträgliche Energiequelle ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sein. Bei der Kernfusion wird der physikalische Vorgang des Verschmelzens von Atomkernen, der in der Sonne natürlich abläuft, auf der Erde künstlich nachvollzogen und technisch zur Energieerzeugung genutzt.

Bisherige Fusionsforschung

Für diese Energiequelle wird weltweit bereits seit vier Jahrzehnten intensiv geforscht. Dabei spielt Deutschland innerhalb Europas eine führende Rolle. Zu nennen sind hier das Max-Planck-Institut in Garching und Greifswald (IPP), sowie die Forschungszentren Jülich (KFA) und Karlsruhe (FZK). Die Europäer wiederum haben mit dem Fusionsreaktor JET (Joint European Torus) in Culham bei Oxford, Großbritannien, weltweit eine führende Stellung inne. Mit JET wurde bereits kurzzeitig eine Fusionsleistung von 16 Megawatt erreicht. Mit diesem erfolgreichen Experiment sind die Europäer nahe am Break Even, das heißt an dem Punkt, von dem an das Experiment soviel Energie liefert, wie zur Erzeugung des Prozesses notwendig ist. Zu diesem Erfolg beglückwünsche ich alle Beteiligten. Ich möchte aber auch allen Wissenschaftlern und Technikern aus Jülich, Karlsruhe, Greifswald und natürlich aus Garching in meinem Heimatlandkreis sehr herzlich danken für ihren Einsatz.

Künftige Forschung - ITER

Der Schritt zu einem energieerzeugenden Plasma ist nun nicht mehr groß. Im internationalen Fusionsreaktor ITER (Internationaler Thermonuklearer Experimental-Reaktor) wollen die Europäer gemeinsam mit Kanada, Russland und Japan diesen Schritt gehen. Das Konzept für ITER ist weitgehend fertig. Nunmehr geht es um die Frage des Standortes, der Rechtsform und der Finanzierung.

Standort Greifswald

Die Überlegungen, Greifswald als Standort für ITER vorzuschlagen, wurden bald wieder begraben. Aufgrund der sektiererischen Stimmungsmache der Grünen und von Teilen der SPD gegen Atomkraft wäre in Deutschland eine Bewerbung schon im eigenen Lande gescheitert. Eine Chance für diesen Standort in den neuen Bundesländern wurde damit durch die Stimmungsmache von Grünen und Teilen der SPD leichtfertig zunichte gemacht. Mit ITER wären viele neue Arbeitsplätze nach Greifswald gekommen. Mecklenburg-Vorpommern hätte ein zukunftsweisende Forschungs- und Entwicklungsprojekt bekommen. Doch das ist Vergangenheit.

Mögliche ITER-Standorte

Inzwischen gibt es Überlegungen zur Standortbewerbung für ITER aus Japan, Kanada und neuerdings auch aus Frankreich. Ein Standort in Frankreich wäre für ganz Europa die einmalige Chance, die führende Position in der Fusionsforschung zur Energieerzeugung auszubauen. Ich hoffe, die Bundesregierung sieht das auch so und unterstützt die Bewerbung Frankreichs entsprechend nachdrücklich.

Vorteile der Kernfusionsenergie

Die Fusionsenergie muss vor allem deshalb vorangetrieben werden, weil sie gegenüber anderen Energieträgern eine Reihe von Vorteilen hat:

  • Die für den Fusionsprozess nötigen Grundstoffe - Deuterium und Lithium - sind in nahezu unbegrenzter Menge vorhanden und über die ganze Welt verteilt.
  • Bei der Fusion entstehen keine Schadstoffe wie bei der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas.
  • Gegenüber den Kernspaltungsreaktoren, die wir gegenwärtig nutzen, hat die Fusionsenergie den Vorteil der inhärenten Sicherheit, das heißt, ein Unfall wie in Tschernobyl kann bei einem Fusionsreaktor überhaupt nicht vorkommen. Das ist schon rein physikalisch ausgeschlossen.
  • Im Gegensatz zur Kernspaltung gibt es bei der Fusionsenergie auch keine abgebrannten Brennelemente mit ihren langfristigen Problemen. Bei der Fusion entsteht als Endprodukt Helium, ein Gas, das auf der Erde natürlich vorkommt und keine Radioaktivität aufweist.

    Risiken der Kernfusionsenergie

    Allerdings gibt es auch bei der Kernfusion Probleme. Die Risiken sind aber deutlich geringer als bei der Kernspaltung. So weisen zum Beispiel die Bauelemente der Fusionsreaktoren höhere Radioaktivität auf als die von Kernspaltungsreaktoren. Dazu muss man aber auch wissen, dass diese radioaktive Belastung in ihrem Ausmaß bei weitem nicht mit der abgebrannter Brennelemente zu vergleichen, sondern wesentlich geringer ist. Hinzu kommen bei der Fusion spezielle Probleme des radioaktiven Wasserstoffes, die allerdings begrenzbar sind.

    Kernfusion und -spaltung

    Wie Kernfusion und Kernspaltung im direkten Vergleich abschneiden, wird natürlich auch von der weiteren Forschung und der technischen Entwicklung in beiden Bereichen abhängen. Entscheidende Fragen dabei sind, ob es beispielsweise gelingt, Spaltungsreaktoren mit absoluter inhärenter Sicherheit zu bauen. Die Transmutation von abgebrannten Brennelementen aus der Kernspaltung, das heißt ihre Umwandlung in kurzlebigere radioaktive Abfälle, ist ein weiteres Thema.

    Fusionsforschung in USA

    Die USA beschäftigen sich inzwischen intensiv mit diesen Grundsatzfragen der Kerntechnik, die nicht unmittelbar mit einem Fusionskraftwerk zusammenhängen. Sie haben mittlerweile auch in der Fusionsforschung andere Schwerpunkte, nämlich die sogenannte Trägheitsfusion. Deshalb beteiligen sie sich nicht mehr an ITER. Bei der amerikanischen Fusionsforschung spielt im Gegensatz zu Europa auch der militärische Aspekt eine gewisse Rolle. Außerdem beteiligen sich die USA an strategisch bedeutsamen Projekten im allgemeinen nur dann, wenn sie selbst die Systemführung haben. Das ist bei ITER nicht der Fall. Aus Sicht der USA mag das alles richtig sein. Allerdings ist es abwegig, wenn die Grünen nun das Ausscheiden der USA aus ITER als Argument gegen dieses Projekt verwenden.

    Verfügbarkeit

    Wann wird nun die Fusionsenergie voraussichtlich verfügbar sein? Der europäische Experimental-Reaktor JET hat gezeigt, dass die Kernfusion möglich ist. Der geplante internationale Experimental-Reaktor ITER soll jetzt die physikalisch-technische Machbarkeit eines Fusionskraftwerkes zeigen. Wenn alles gut läuft, könnte in etwa drei Jahrzehnten das erste Demonstrationskraftwerk (DEMO) in Betrieb gehen. Ab der Mitte des Jahrhunderts könnte dann die Fusionsenergie mit einem ökonomisch nutzbaren Reaktor einen Beitrag zur Welt-Energieversorgung leisten.

    Verlässlichkeit der Prognosen

    Diese Prognosen der Fusionsforscher werden immer wieder in Frage gestellt mit dem Hinweis auf die viel zu optimistischen Einschätzungen des Zeithorizontes in den 50er und 60er Jahren. Dem kann man allerdings mit gutem Grund entgegenhalten, dass sich die heutige Einschätzung wesentlich mehr auf Fakten stützen kann als damals. Sie ist deshalb sicherer.

    Bedeutung Deutschlands

    Auf dem Weg von den theoretischen Grundlagen zur Lieferung von Strom aus einem Fusionsreaktor ist etwa die halbe Strecke zurückgelegt. Deutschland hat einen erheblichen Beitrag zu den bisherigen Erfolgen geleistet. Auch auf dem künftigen Weg wird Europa nur dann mit an der Spitze bleiben, wenn Deutschland seinen Beitrag weiterhin leistet und europäische Solidarität übt.

    Schaden der grünen Ideologie

    Wenn die Grünen aber weiterhin die Kernkraft ideologisch bekämpfen, wirft das Deutschland und Europa in der internationalen Energieforschung weit zurück.

    Ausbildung

    Die grüne Polemik gegen Atomkraft, an der sich auch Teile der SPD beteiligen, ist auch nicht ohne Auswirkungen auf die Ausbildungssituation in Deutschland geblieben. Mittlerweile gibt es schon kaum noch Studenten in Deutschland, die sich für Kerntechnik interessieren. Der Zeitpunkt ist absehbar, wann es in Deutschland keine Sachverständigen zur Frage der Sicherheit von Kernkraftwerken mehr gibt. Wird dann der Bundeskanzler wiederum als Held auftreten und eine neue Greencard vorschlagen? Wir müssen jetzt Zeichen setzen um zu verhindern, dass es einmal soweit kommt.

    Abschließende Wertung

    Die Erforschung und Entwicklung der Kernfusion für die Energieerzeugung ist eine große Herausforderung, für die wir gerade junge Menschen begeistern sollten. Zusammen mit den regenerativen Energiequellen einschließlich der Solarenergie könnte die erfolgreiche Konstruktion der "irdischen Sonne" die Chance auf ein energetisches Solarzeitalter eröffnen, ein Zeitalter ohne Treibhausgase, Schwefeldioxide und Stickoxide - und ohne radioaktive Abfälle, die über Jahrtausende Probleme bereiten können. Die Kernfusionsforschung ist zwar keine Technik, die heute oder morgen schon Nutzen bringt. Aber sie ist sehr wahrscheinlich die Technik, die es unseren Enkelkinder ermöglicht, genauso gut zu leben wie wir. Ich rufe daher die Regierung auf, einmal die kurzfristige Perspektive, die nur auf den Tageserfolg abzielt, zu verlassen und auf dieses Zukunftsprojekt zu setzen: Geben Sie der Kernfusionsforschung in Deutschland den nötigen Rückhalt und kämpfen Sie dafür, dass Europa der Standort für das ITER-Projekt wird!

  • Antrag Kernfusionsforschung für eine zukünftige Energieversorgung (3.11.2000)
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    © pawlik; 10. Nov. 2000