Herzlich willkommen bei Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) MdB!

Presseartikel für FOCUS, erschienen im Juli Nr. 30/2001

Dr. Mayer: Stammzellenforschung unbedingt erlauben

Warum wir die Freiheit der Wissenschaft retten müssen

 

Sie macht viele Bürger ängstlich und ratlos: Die Diskussion um die embryonalen Stammzellen und die Präimplantationsdiagnostik (PID). Kein Wunder, denn durch die Vermengung der Argumente bei der gemeinsamen Diskussion beider Themen entsteht Verwirrung. Zur Klarstellung: Die PID ist eine medizinische Diagnose an menschlichen Embryonen im frühesten Stadium mit dem Ziel, über eine Auswahl der Embryonen das Risiko schwerer Erbkrankheiten zu verringern. Sie ist in Deutschland verboten, wird aber in anderen Ländern angewendet für Elternpaare, die aufgrund ihrer Erbanlagen den Kinderwunsch sonst nicht verantworten können. Es geht also um Einzelschicksale und nicht um Forschung.

Ausschließlich um Forschung indes geht es bei den embryonalen Stammzellen. Erforscht werden soll, wie auf Grund bestimmter Erbanlagen ein bestimmter Mensch entsteht. Dabei geht es sowohl um Erbkrankheiten als auch um Krankheitsdispositionen. Zahlreiche Wissenschaftler sind überzeugt davon, dass diese Forschung nur mit embryonalen Stammzellen des Menschen möglich ist.

Die Gegner der Forschung an embryonalen Stammzellen argumentieren, dass schon die befruchtete menschliche Eizelle ein Mensch sei. Das ist die Schlüsselfrage, weil der Mensch unter dem Schutz von Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes steht. Viele Resolutionen von kirchlichen Gremien gegen die embryonale Stammzellenforschung stützen sich auf die These, dass die befruchtete menschliche Eizelle ein Mensch sei. Die These wird mit Aussagen von Verfassungsjuristen und Theologen untermauert. Sie lässt sich jedoch durch einen einfachen Vergleich aus der Natur widerlegen, zumindest was die sogenannten überzähligen Embryonen angeht, die bei der Befruchtung außerhalb des Körpers entstehen. So wie der Apfelkern erst zum Apfelbaum werden kann, wenn er in der Erde wurzelt, so kann der Embryo in der Petrischale nur dann ein Mensch werden, wenn er in seiner Mutter einnistet. Ebenso wenig wie der Apfelkern ein Apfelbaum ist, ist ein Embryo in der Petrischale ein Mensch! Entsprechend haben im Reagenzglas befruchtete, menschliche Eizellen auch keinen Rechtsanspruch auf Einpflanzung in den Mutterleib. Wenn also die befruchtete menschliche Eizelle kein Mensch ist, steht sie auch nicht unter dem Schutz von Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes. Folglich greift das Grundrecht auf Freiheit von Wissenschaft und Forschung nach Artikel 5, Absatz 3, Grundgesetz. Aus meiner Sicht muss deshalb die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt sein.

Viele Menschen können dieser Argumentationslinie folgen und  lehnen dennoch die Forschung an embryonalen menschlichen Stammzellen spontan ab, weil sie Angst vor dem Missbrauch der Forschung haben. Schließlich besteht auch die Befürchtung, dass es eines fernen Tages auch gelingen könnte, die Gene selbst gezielt und treffsicher zu verändern. Es geht also nicht nur um mögliche neue Heilungschancen, sondern darum, den Missbrauch in seinen Furcht erregenden Dimensionen zu verhindern.

Der einzige Ausweg: Nicht ein Forschungsverbot, sondern klare Gesetze müssen den Missbrauch ausschließen. Denn die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ist ein Grundrecht, das nur im Falle des Konflikts mit anderen Grundrechten eingeschränkt werden darf - und ansonsten unseren Schutz braucht.

Wer die Vorgänge der Entwicklung von den Erbanlagen in der Eizelle zum Menschen immer besser versteht, der kann nicht nur erbbedingten Krankheiten besser vorbeugen, sondern er kann auch zwischen den Erbanlagen auswählen. Mit neuen Ergebnissen der Stammzellenforschung werden also die Grenzen des Machbaren verschoben. Zu Recht haben viele Angst vor diesen neuen Selektionsmöglichkeiten und dem Selektionsdruck, der entstehen könnte. Hier schließt sich wieder der Bogen zur eingangs erwähnten PID. Um zu vermeiden, dass Deutschland auch bei der PID ebenso wie bei der Stammzellenforschung hinterherhinkt, müssen wir jetzt darüber sprechen. Und zwar mir Philosophen, Biologen, Theologen und Anthropologen. Deutschland sollte den Ehrgeiz entwickeln, die weltweite Meinungsbildung mitzugestalten.

 

Bitte teilen Sie mir Ihre Meinung dazu in meinem Forum "Stammzellenforschung" mit !

 

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© pawlik; 9.8.2001